Die Familie von Gersdorff

Erschienen im: Nachrichtenblatt des Verbandes Der Sächsische Adel, 15. März 2004, S. 17

Das Geschlecht derer von Gersdorff blickt auf eine mehr als 700-jährige Geschichte zurück. Es gehört dem Oberlausitzer Uradel an. Erstmals taucht der Ortsname Gersdorf (12 km westlich von Görlitz bei Reichenbach) als „Gerardisdorf“ im Jahr 1241 in den Akten der Oberlausitz auf. Seit 1301 läßt sich mit Stammvater Jencz (= Johannes) eine durchgehende Namensfolge nachweisen. Jencz ist in einer Urkunde vom 25.4.1301 mit seinem Bruder Christan vermerkt, der benannt wird als „dominus Christianus advocatus provinciae Gorlicensis dictus de Gerhardisdorf“. Folgerichtig fand auch der gersdorffsche Familientag im Jahr 2001 in Reichenbach, Görlitz und Gersdorf statt.

Ein Zusammenhang mit gleichnamigen Geschlechtern anderen Wappens auf Gersdorf bei Leisnig (Sachsen) und auf Gersdorf bei Quedlinburg ist nicht nachweisbar. Denkbar isst die Herkunft aus Thüringen oder Franken als Stammlanden des Deutschen Kaiserreichs.

Die Oberlausitz hatte niemals einer Dynastie unterstanden und war von 1158, etwa dem Beginn der deutschen Besiedlung, bis 1635 über fast ein halbes Jahrtausend böhmisches Reichslehen. Regale Rechte standen dem König von Böhmen zu und wurden von Prag ausgeübt. Von 1240 bis 1319 war die Oberlausitz an die brandenburgischen Askanier verpfändet. In dieser Zeit treten die Gersdorffs mit dem oben erwähnten advocatus Christianus in die Geschichte des Landes ein. Dreimal übte er das Amt des Landvoigtes aus, verwaltete auch die Landvogtei Budissin (Bautzen) und stand mit dem brandenburgischen Markgrafen Woldemar I. in enger politischer Verbindung. Der mit ihm verwandte Ramfold v. Gersdorff war in seiner Folge Grundherr Gersdorfs und des Städtchens Reichenbach, das bis heute das Gersdorff-Wappen als Stadtwappen führt. 1446 fiel Reichenbach an die Gersdorff-Baruther Linie und ging 1580 an die Familie v. Warnsdorf. Von 1674 bis 1772 erlebte es noch einmal eine glanzvolle, bis in die Gegenwart strahlende Periode: Georg Ernst I. v. Gersdorff (Linie Horka) und sein Sohn Georg Ernst II. ließen das Innere der 1670 ausgebrannten Johanneskirche mit Altar, Kanzel, Beichtstuhl, Epitaphien und Herrschaftsloge in prachtvollem Barock neu ausstatten. Die Restaurierung gelang in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch mit Mitteln heutiger Gersdorffs.

Unter dem böhmischen Königtum war die Oberlausitz Lehen unter Brandenburgern, Luxemburgern, Jagiellonen und schließlilch Habsburgern. 1635 wurde sie vom Haus Habsburg den Kurfürsten von Sachsen abgetreten. 1815, nach dem Wiener Kongress, wurde ihre östliche Region (zwischen Görlitz und Lauban) von Preußen annektiert und Teil der Provinz Schlesien. Infolgedessen standen Familienmitglieder über mehr als 600 Jahre in den Diensten wechselnder Souveräne. – Erwähnt sei noch die Teilung Deutschlands 1945 mit der Abtretung der östlich der Neiße gelegenen Teile der Oberlausitz an Polen. Nach 40-jährigen Zwischenspiel im DDR-Bezirk Dresden gehört sie seit 1990 wieder zu Sachsen.

Auch wenn 1945 nur noch ein einziges Rittergut in der Oberlausitz (Alt-Seidenberg, knapp östlich der Neiße gelegen) gersdorffsches Eigentum war: Einst, 1544, hatte es geheißen, daß „allein das Geschlecht derer von Gersdorff weit mehr Landgüter in der Oberlausitz besitze, als die 6 großen Städte des Landes zusammen“. Die Rede war von 68 Herrensitzen und Rittergütern. Dies war die Blütezeit der Gersdorffs als regional zusammenhängendes Geschlecht, die vom 14. bis zum 19. Jahrhundert währte.

Der enge Zusammenhang der verschiedenen Stämme und Linien kam deutlich mit dem wohl ersten Geschlechtstag am 4. Juni 1572 zum Ausdruck, zu dem Siegmund v. Gersdorff, Landvoigt zu Görlitz, nach Zittau eingeladen hatte. 205 Mannspersonen, von ihnen 183 aus der Oberlausitz und 22 aus Böhmen hatten sich dort zusammengefunden. Auf der Tagesordnung standen unter anderem die einheitliche Festlegung des Wappens, gegenseitiger Beistand in Not, Regeln zur Schlichtung von Streitigkeiten, sowie „Maßregeln gegen Jungfrauen und Wittfrauen, welche sich ohne Erlaubnis ihrer Eltern oder Vormünder verloben oder verehelichen“. Nicht zuletzt wurde festgelegt, zu einer abermaligen Zusammenkunft „die Vettern aus Böhmen und Schlesien“ hinzuzuziehen.

Das Stammwappen ist ein quer geteilter oben Roter, unten in Silber und Schwarz gespaltener Schild. Ernennungen zu Freiherrn erfolgten zwichen1668 und 1696 und in den Grafenstand zwischen 1701 und 1824. Erhalten sind heute außer den Herren eine freiherrliche und eine gräfliche Linie.1590 bis 1658 fanden mindestens 6 weitere Familientage, überwiegend in Zittau, aber auch in Bautzen und Görlitz statt. Der Übergang der Lausitz von Habsburg als böhmisches Lehen zu Sachsen im Friedensschluß von Prag 1635 gab in der Zeit des Wiederaufschwungs nach dem 30-jährigen Krieg vielen Herren v. Gersdorff bedeutende Chancen in sächsisch-staatlichen, diplomatischen und militärischen Diensten. Dies begünstigte den Zusammenhalt der verschiedenen Linien, zu denen damals auch ein dänischer und der baltische Zweig hinzutrat.

Der Historiker Hermann Knothe, dem die Geschichte des oberlausitzer Adels im 15. bis 17. Jahrhunderts zu verdanken ist, bestritt zu Recht, daß eine Gesamtgeschichte des gersdorffschen Geschlechts darstellbar sei. Mit Berufung auf Knothe seien hier nur einige besondere Ereignisse und hervorragende Persönlichkeiten gebracht:

Johannes v. Gersdorff (1630 – 1692), Herr auf Weicha (NW Bautzen), Privatgelehrter seiner Zeit, Freund und Mitarbeiter Otto v. Guerickes, errichtete 1684 in Bautzen die Gersdorff-Weichaische Stiftung. Mit der Präsentation seiner Bibliothek von 5000 Bänden, Atlanten und Karten, der exzellenten Ausstellung seiner umfangreichen naturwissenschaftlichen und kunsthistorischen Grafiksammlungen, ehrte ihn die Stadt Bautzen 2002 anlässlich ihrer Jahrtausendfeier.

Freiherr Nicol v. Gersdorff (1629 – 1702) stand in hohen kursächsischen Staatsdiensten und war Landvogt der Oberlausitz in Bautzen. Auf seine Frau, Henriette Katharina, geb. Freiin von Friesen, geht die Herrnhuter Brüdergemeine zurück. Sie hatte ihren Enkel Graf Nikolaus Ludwig v. Zinzendorf (1700 – 1760) in religiösem Sinne erzogen und durch Stiftungen seine Gründung der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut bei Zittau ermöglicht. Henriette Katharina ließ die Bibel in das in Teilen der Lausitz gesprochene Sorbisch übersetzen. Ihre Kirchenlieder waren bis noch bis vor wenigen Jahren in den Gesangbüchern der Evangelischen Kirche Deutschlands zu finden.

Für das Ende des 18. Jahrhunderts steht Adolf Traugott v. Gersdorf (1744 - 1807). Besitzer mehrerer Rittergüter, war er zugleich Naturforscher und Universalgelehrter. Er war 1779 Mitgründer der Oberlausitzischen Gesellschaften zu Görlitz, die nach Verbot in der DDR seit 1990 wieder existiert. Seine Bibliothek und seine physikalischen Sammlungen können im Stadtmuseum Görlitz von jedermann besichtigt werden.

Als Staatsminister im Großherzogtum Weimar der Goethezeit wurde der in Herrnhut geborene und im Geist der Brüderunität erzogene Freiherr Ernst Christian August v. Gersdorff(1781 – 1852) bekannt. Er vertrat Weimar auf dem Wiener Kongress und bewirkte 1816 in diesem kleinen Herzogtum eine konstitutionelle, bürgerfreundlich-liberale Verfassung mit weitgehender Pressefreiheit. Die von Preußen und Habsburg initiierten Karlsbader Beschlüsse beendeten den von ihm ausgegangenen Weimarer Impuls. Mit der Revolution 1848 verließ Ernst Christian August die politische Bühne.

Ebenfalls an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhunderttritt Johann Rudolf Ritter von Gersdorff (1781 – 1849) hervor. Er entwickelte als Bergbaufachmann und Unternehmer in der österreichischen KuK-Monarchie Erzabbau- und verhüttung in Schladming (Steiermark). Das Mineral Arsennickelglanz wurde zu seinen Ehren „Gersdorffit“ genannt.

Wilhelmine v. Gersdorff (1768 – 1847) geb. v. Gersdorff kann als Zeugin für die engen Beziehungen inerhalb der verschiedenen gersdorffschen Linien stehen. Sie war nicht die Einzige, die einen gleichnamigen „Vetter“ heiratete! Bekannt wurde sie als Schriftstellerin,Verfasserin romantisch-historischer Essays und Romane. Über 80 Artikel beweisen, daß sie eine beliebte Autorin ihrer Zeit war.

Karl August Gersdorff (1788 – 1850), Deich und Bauinspektor in Marienburg (Ostpreußen),war als Architekt maßgeblich an Wiederaufbau und Rekonstruktion der Ordensburg beteiligt. Zur gleichen Zeit lebte der Eisenacher Regierungsrat Freiherr Dr. Heinrich August von Gersdorff. Er gilt heute international als „Pionier der Homöopathie“. Die Heilmethoden des gelernten Juristen schiensich an ihm selbst bewährt zu haben. Er wurde immerhin87 Jahre alt. Sein Sohn, ebenfalls ein angesehener Arzt, wanderte nach Boston/USA aus und nannte sich de Gersdorff“.

Freiherr Dr. Karl v. Gersdorff (1844 – 1904), Enkel des Weimarer Staatsministers, ist bekannt als lebenslanger Freund Friedrich Nietzsches seit ihrer gemeinsamen Gymnasialzeit in Schulpforta bei Naumburg/Saale. Seine in 4 Bänden edierten Briefe an den Philosophen und seinen Umkreis, auch an Richard und Cosima Wagner, sind noch heute Quelle der Forschungen über Nietzsche.

Als Mitstreiter im militärischen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und Mitorganisator mehrerer Attentatsversuche auf Hitler, wobei er bereit war, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, gehörte Rudolf-Christoph Frhr. v. Gersdorff zur Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944.

Das in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein gestiegene genealogische Interesse und der persönliche Zusammenhalt der damaligen Linien der Gersdorffs führte 1887 zur Gründung des “Geschlechtsverbands derer von Gerdorff“. An der Gründungsversammlung nahmen auch Namensvettern aus dem Baltikum, Schlesien und der Provinz Posen teil. Familientage folgten im 2-Jahreszyklus in Görlitz und Berlin. Gegenwärtig wird angestrebt, jeden 2. Familientag an einem Ort der Lausitz abzuhalten.

1572 hatten sich 20 Linien der Gersdorffs in Zittau getroffen. 1887 waren es noch 11, ein Bestand, der sich bis heute erhalten hat. Dem Familienverband derer von Gersdorff gehören derzeit 73 Mitglieder an. – Der 50. Familientag seit der Neugründung wird im Jahre 2005 in Zittau stattfinden.

Alexander v. Gersdorff